Risse

Ein Kollege hat mir vor eine paar Wochen ein Buch in die Hand gedrückt: „Solltest du mal lesen – verdirbt dir die Laune!“

Zunächst hab ich gedacht: Warum ein Buch lesen, das mir die Laune verdirbt? Dann hab ich den Titel gesehen: „Warum ich nicht mehr glaube – wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren.“

Das hat mich dann doch interessiert. Ich hab angefangen zu lesen und je länger meine Lektüre dauerte, desto mehr Gesichter hatte ich vor Augen – von jungen Leuten, die den Glauben an den Nagel gehängt haben.

 

Acht junge Erwachsene erzählen in diesem Buch ihre Geschichte. Sie beschreiben die Entwicklungen, die inneren Kämpfe und unbeantworteten Fragen bis hin zum Bruch mit dem Glauben. Die Motive und Erfahrungen sind ganz unterschiedlich – da gibt es die Zweifelnden, die Grübelnden, die Zerrissenen, die Entwachsenen, die Verletzten, die Eingeengten, die Geplagten und die Enttäuschten.

 

Es gibt viele Wege, auf denen junge Menschen ihren Glauben verlieren können. Manchmal liegt es an den Eltern. Dann zum Beispiel, wenn die es zwar gut meinen, aber Glauben mit Moral verwechseln.

Manchmal liegt es auch an der Kirche. Dann nämlich, wenn sie nicht das befreiende Evangelium, sondern ein enges Gesetz predigt. Da ist eine fromme Gemeinschaft nicht belebend, sondern erdrückend.

 

So kommen junge Menschen dann zu dem Schluss: Die Christen sind ja gar nicht so, wie sie singen! Und sie haben Recht – leider ist es oft genug so: Wir geben uns frommer als wir sind. Wir heucheln. Wir spielen Theater – auf der Kanzel und im Gottesdienst. Aber so ein Theater weckt keine Sehnsucht nach dem Glauben.

Als Christ kann ich zu meinen Fehlern stehen. Ich kann ein echter Mensch sein. Mit allen Ecken und Kanten. Als Christ bin ich ein begnadeter Sünder.

Ich bin sicher, dass auch junge Erwachsene echten Glauben gerne leben – aber nur, wenn er befreit. Wenn er Mut macht. Wenn er Geborgenheit gibt.

 

Und wer weiß: Vielleicht wird ja eines Tages mal ein Buch erscheinen mit dem Titel: „Warum ich wieder glaube – wenn junge Erwachsene neu zum Glauben finden“

Joachim Hipfel